OT - Die Vorderseite der Medaille

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Wolfram Gagern
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Registriert: Dienstag 9. April 2002, 14:46
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Donnerstag 6. Februar 2003, 11:29

Es wird ja hin und wieder behauptet, dass in Deutschland gerne auf relativ hohem Niveau gejammert wird. Vielleicht kam es hier ja deshalb auch zu den Diskussionen, in welchen Einzelne (oder war es nur einer?) behaupteten, in Frankreich sei eigentlich alles besser.
Nicht nur vor diesem Hintergrund fand ich den nachfolgenden Kommentar im Kölner Stadt-Anzeiger recht interessant und erheiternd. Ich setze ihn daher mal hier rein, obwohl er mit Frankreich nichts zu tun hat (OT= Off-Topic):

"KOMMENTAR / WARUM EIN DÄNISCHER KORRESPONDENT DEN GROSSEN NACHBARN LOBT

Deutsche Verhältnisse - einfach paradiesisch

von HANNES GAMILLSCHEG, 06.02.2003

Krise? Klar Krise. Was sonst sollten die ausländischen Zeitungen aus Deutschland beschreiben, wenn nicht das, worüber ganz Deutschland jammert. Ob Wirtschafts-, Regierungs- oder Beziehungskrise zur USA: Krise, Krise, Krise. Da ist es Labsal für die gemarterte Seele, auch mal zu lesen, dass die Medaille auch eine Vorderseite hat, wie es Kollege Michael Kuttner in der Kopenhagener "Berlingske Tidende" bezeichnet. Der Korrespondent der dänischen konservativen Tageszeitung hat nämlich in Berlin ein derart "Lebensqualität-beförderndes" Deutschland vorgefunden, dass es ihm fast täglich ein Vergnügen ist, dort aufzuwachen.

Mit lächelnden Supermarkt-Kassiererinnen, freundlichen Briefträgern, "sogar das Steueramt ist höflich, und wenn man falsch parkt oder zu schnell fährt, bekommt man einen Brief von der Polizei, der aussieht wie eine Liebeserklärung". Es stimme schon, dass die deutschen Politiker konfliktscheu seien und veraltete Strukturen nicht umzumodeln wagten, meint Kuttner. "Aber sie führen hochkarätige Grundsatzdebatten über Gentechnik, Terrorismus oder Ausländer, wie sie in europäischen Parlamenten selten geworden sind." Wenn Politiker über Flüchtlinge oder Ausländer streiten, "beschimpfen sie einander, nicht die so genannten Fremden", versetzt der Korrespondent der "Fremdendebatte" seiner dänischen Heimat einen Seitenhieb.

So räumt Kuttner mit gängigen Vorurteilen über sein Gastland auf, bis hin zu den "oft übersehenen Qualitäten" der deutschen Küche. Gewürzt mit einer Anekdote: Ein deutscher Metzger habe in Kopenhagen mal bei einem Kollegen ein heißes Würstchen gekostet. Da habe sein dänischer Standesgenosse ihn neugierig gefragt: "Was würde ich denn in Deutschland für so eine Wurst bekommen?" "Fünf Jahre Knast", erwiderte der Deutsche.

Denn in Deutschland bestünden Würste "aus richtigem Fleisch", belehrt der Journalist seine staunenden Leser, Sauerkraut könne "himmlisch schmecken", und die Konditoreien - ein "wichtiger zivilisatorischer Parameter" - würden nur von den österreichischen übertroffen. Selbst "Gummibärchen und Schaumbananen" seien in Deutschland billiger und besser. Alle reden von der Krise. Doch es gibt, so hat Kuttner erkannt, auch eine "Welt unterhalb des Nachrichtenstroms", das gute, stabile, rührende Deutschland, auf das andere europäische Länder neidisch sein könnten.

Gemütlich seien die Deutschen und furchtsam, kehrt "Berlingske" die gängigen Vorstellungen vom streberischen und kriegerischen Nachbarn um. "Sie sind gegen Krieg, selbst wenn es gegen einen Diktator im fernen Irak geht, und würden am liebsten die ganze Bundeswehr abschaffen." Das möge irritierend sein "für George Bush und die europäischen Alliierten", schreibt Kuttner, doch für einen Dänen ist ein pazifistisches Deutschland eine positive Entwicklung.

Berlin Pleite? Schon. Aber der Müll wird geholt, das Gesundheitswesen biete "minimale Wartezeiten und klaglose Behandlung in stark menschlicher Dimension", und wenn man wieder gesund sei, "kann man in die Oper gehen, von denen es in Deutschland 80 gibt, oder ins Theater, wovon noch mehr da sind, nicht alle, aber viele von hohem Niveau". Tolle Museen. Und das Fernsehen nicht schlechter als anderswo.

Probleme? Klar gibt´s Probleme. "Die Schlange im Paradies ist die Wirtschaft." Weniger Geld, zu viele Opern und Polizisten, zu teures Gesundheitswesen. Die Arbeitsvermittlung eine Parodie. Die Zeitungen sind voll davon. Auch "Berlingske Tidende" schreibt ausführlich darüber. Sonst. "Aber man darf die Vorderseite der Medaille nicht vergessen." Danke, Kollege Kuttner, für die Erinnerung."

Gruß,
Wolfram
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Pariser
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Donnerstag 6. Februar 2003, 12:35

Auf nach Berlin?

Ist Berlin typisch Deutsch?

Warum sehen die Deutschen die Vorderseite nicht?

Fragen über Fragen....
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Andreas
Beiträge: 24
Registriert: Dienstag 11. Juni 2002, 07:26
Wohnort: Münsterland

Donnerstag 6. Februar 2003, 14:34

:)
Danke Wolfram,

ist mal was zum Nachdenken.

Andreas

P.S. Pariser ist es nicht normal, das man dazu neigt, den Alltag zu verdrängen?
Zuletzt geändert von Andreas am Donnerstag 6. Februar 2003, 14:35, insgesamt 1-mal geändert.
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Pariser
Beiträge: 287
Registriert: Dienstag 10. Dezember 2002, 11:30
Wohnort: Von der Seine an die Elbe

Donnerstag 6. Februar 2003, 16:12

Bonjour Andreas,
Mag wohl bei der Allgemeinheit so sein.
Ich lebe nach dem Motto "carpe diem"; nicht erst seit 9/11 aber seitdem noch mehr. Versteht wahrscheinlich keiner...
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