Hohe Abgaben für Selbständige, wer hat Erfahrung ?

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Alex
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Freitag 14. April 2006, 23:02

hallo an alle, ich möchte mich mit dem wiederverkauf von eintrittskarten selbständig machen.
nun habe ich u.a. bei der urssaf website gesehen, daß man vom umsatz sehr hohe sozialbeiträge abführen muss.

habe dort eine online berechnung getestet: bei 10-20 tsd. euro umsatz muss man bis zu 10 tsd. euro abgaben zahlen.

wenn ich nun z.b. eine karte für 1000 euro kaufe, und für 1200 euro verkaufe, habe ich nach meiner rechnung einen umsatz von 1200 euro gemacht. so habe ich aber ruck zuck die 10.000 euro abgaben zusammen, obwohl die gewinnspanne nur 200 euro ist.

wie läuft das nun in frankreich bezüglich des "umsatzes" für micro entreprises oder profession liberale ?

ich nehme ja kein honorar auf stundenbasis, wie es ein handwerker oder anwalt tut.
ich muss die ware erst kaufen, und habe dann eine spanne von 10%.

danke für die netten antworten bzw. erfahrungsberichte.
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textspecht
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Samstag 15. April 2006, 02:03

Ja, das frz. Micro-Entreprise ist schon etwas seltsam und für Deutsche schwer verständlich. Die Abgaben für Steuern und gesetzliche Pflichtversicherungen sind zwar nicht so drastisch, wie es aussieht (ich habe zunächst auch einen Heidenschrecken bekommen). Aber Für Deine Geschäftsidee ist es vermutlich sinnvoller, Du gründest eine Gesellschaft, z.B. eine Einmann-GmbH, was in FR möglich ist.
Grundsätzlich empfehle ich Dir aber zunächst die Rücksprache mit einem Expert Comptable (entspricht etwa dem deutschen Steuerberater), der Dich zur Rechtsform beraten und Dir anschließend den gesamten Steuerkram vom Hals halten kann. Der ist in FR noch undurchsichtiger als in D, und bei Versäumnissen drohen hier Strafen von 10 % Kostenaufschlag bis zu drei Jahren Kopf ab. ;)
Zudem kann Dir Dein Expert Comptable auch durch das Dickicht der Pflichtversicherungen helfen, die einen immer wieder mit kaum verständlichen Nachrichten bombardieren.
Aus Deutschland sind wir klare Rechnungen mit Kontoangabe & Co gewöhnt. Das sieht hier häufig anders aus und ist trotz guter Kenntnisse im Kommunikations-Französisch mit Handwerkern oder Bäckersfrau oft kaum zu interpretieren. Die Investition in die Steuerberatung rentiert sich nach meiner Erfahrung auf jeden Fall, gleich welche Unternehmensform Du wählst.

Gruß, Heinz-Günter
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Alex
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Sonntag 16. April 2006, 00:52

danke für die antwort, ich hoffe, es melden sich noch mehr zu wort.
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Gero
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Sonntag 16. April 2006, 08:23

Hallo
also ich spreche hier mal aus meiner Erfahrung aus dem Übersetzungsbereich; das ist vielleicht nicht unbedingt vergleichbar, aber mit der URRSAF hat man auch zu tun.
Zuerst würde ich persönlich von der Micro-Entreprise absehen, sondern auf eine Besteuerung "au réel" beharren, da man dann auch wirklich das abführt, was man eingenommen hat und sich nicht auf die groben Schätzungen des Finanzamts verlassen muss.
Tipp Nr. 2 ist "Rücklagen bilden". Im ersten Jahr wird man nach einer recht niedrigen Pauschale besteuert, d.h man hat niedrige Abgaben und am Ende des Jahres einen hohen Gewinn. Fieserweise dient das aber als Basis für die weitere Berechnung und im 2.Geschäftsjahr bekommt man dafür die (meist) sehr hohen Abgaben von der URSSAF zu spüren. Um das zu überstehen, sollte man schon etwas "flüssig" sein oder zumindest ein paar Rücklagen gebildet haben. Im dritten Jahr hat man (sollte man) seine vitesse de croisiere, also seine Reisegeschwindigkeit erreicht und ann weißt man wo man steht und was man zu erwarten hat.
Tipp Nr.3. Wenn möglich einer "association de gestion agrée" beitreten. Diese arbeitet Hand in Hand mit dem Finanzamt und kontrolliert die Bilanzen oder die Einahme-/Überschussrechnungen sowie die Steuererklärung bescheinigt einem anschießend, dass man "sauber" arbeitet. Das schützt aber nicht nur vor unliebsamen Kontrollen, sondern bringt auch noch mal einen netten Abschlag (abbattement fiscal) von 20% bei der Berechnung der Einahmen (d.h. die Einahmen werden vor Steuer mal um 20% gekürzt, was eine Menge Geld bedeutet). Von diesem Geld kann man sich dann wirklich, wie Textspecht schreibt, einen Steuerberater für die kleinen Feinheiten und meist sehr nützlichen Tipps leisten.
Soweit viel Erfolg
Gero
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Alex
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Sonntag 16. April 2006, 14:12

auch ihnen danke für die antwort.

hier ist mal eine etwas blöde frage von mir, ich bitte um eure meinung:

wenn ich 10 eintrittskarten für 600 euro einkaufe, und diese für 1000 euro weiterverkaufe, habe ich einen umsatz von 10.000 gemacht, stimmts ?

so, bei 10.000 euro umsatz berechnet der online rechner der urssaf ca. 5000.- bis 6000.- euro abgaben.

mein "gewinn" wäre also niedriger als die abgaben.

und wie läuft das mit der VAT ?, wie wird das gehandelt.

sorry für meine konkrete fragen, aber mein "kerngeschäft" wären ein paar dutzend tickets pro jahr. geschätzer umsatz ca. 15.000 bis 20.000 euro, gewinn villeicht 5-8 tausend, also wirklich nix grosses.
kann ich die einkaufskosten der tickets von irgendwas abziehen.

das mit dem umsatz ist ja so ne sache: wen ich einen mercedes für 50.000 kaufe und für 52.000 verkaufe, muss ich ja 52.000 als umsatz versteuern, da hätte ich ja 20.000 euro oder mehr abzüge, bei gerade mal 2000 euro gewinn. kann das sein ?

nochmal sorry, falls ich etwas naiv klinge.
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textspecht
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Montag 17. April 2006, 00:57

Salut, Alex,
Deine Frage ist gewiß nicht naiv, sie zeigt nur einmal mehr, wie weit nationale Regelungen des Steuerrechts in der EU immer noch auseinander klaffen und von der Logik her für den "Ausländer" oft kaum zu begreifen sind.

In Deinem Fall liegt die Lösung allerdings auf der Hand, wie Gero und ich Dir schon geschrieben haben: auf Besteuerung "au réel" (aufgrund von Belegen und Buchhaltung) beharren, was in der Regel allerdings die Gründung einer Firma bedingt. Dann rechnest Du beim Fiskus im Prinzip so ab, wie Du es als Gewerbetreibender aus Deutschland gewohnt bist. Naja: Fast so, der bürokratische Aufwand liegt hier etwas höher als in Deutschland... (doch, das ist wirklich möglich... :D ).

Das Micro-Entreprise (mit oft engem Maximalumsatz, je nach Branche) eignet sich im Prinzip nur für Betriebe, die keine sonderlich hohen Einkaufskosten haben, sondern ihren Umsatz primär durch Dienstleistung erzielen. Beispielsweise Handwerker, freiberufliche Textarbeiter, nebenberufliche Gastro-Betriebe usw., deren Investitionen durch die staatliche Pauschalschätzung der Ausgaben gut abgedeckt sind.

Heikel wird das natürlich, wenn man alle paar Jahre mal wieder eine komplett neue Computer-Ausstattung oder gar ein neues Geschäftsauto für etliche tausend Euronen braucht.
Da übersteigen die Ausgaben natürlich drastisch die Höhe der staatlichen Pauschalabzüge für ein Micro. Die Anschaffungen werden dann praktisch zu Deinem "Privatvergügen"...:rolleyes:

Umgehen kannst Du das wirklich nur durch die Gründung einer regulären Firma mit konkreter Abrechnung zu Ausgaben und Einnahmen. Und das ist bei Deinem limitierten Programm und den daraus resultierenden bescheidenen Erträgen natürlich ein Heidenaufwand.

Hast Du schon daran gedacht, hast Du eine praktische Möglichkeit, dieses Geschäft steuerlich günstiger und dennoch korrekt über eine deutsche Adresse abzuwickeln? Per Internet ist das ja gerade bei Deiner Geschäftsidee sicher nicht schwer, auch wenn Du selber in FR sitzt.

Allerdings hättest Du dann aus diesem Geschäft auch keine Ansprüche auf französische Sozialversicherungen (Kranken-, Rentenversicherung etc. pp.). Das ist individuell unbedingt zu überlegen. Es gibt in Frankreich Kleinbetriebe mit sehr geringem Umsatz, die vermutlich den einzigen Zweck habe, die legale Mitgliedschaft in der staatlichen (Zwangs-) Sozialversicherung zu garantieren. Aber die ist (nach deutschen Maßstäben) gar nicht schlecht, auch man man sie durch Privatversicherungen ergänzen sollte.

Beste Wünsche, Heinz-Günter
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Alex
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Donnerstag 27. April 2006, 00:02

danke für die ausführliche info.
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